Zum Inhalt springen →

Gatsby

Der Roman „The Great Gatsby“ (1925) gilt als bedeutendstes Werk des US-amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald. Ich habe das Buch nicht gelesen. Um das Thema des Zwei-Personen-Spiels Gatsby einordnen zu können, habe ich immerhin die Verfilmung mit Leonardo DiCaprio gesehen. Und musste feststellen: Die Literaturvorlage spiegelt sich im Spiel nur ansatzweise wider. Gemein ist beiden lediglich die Einbettung in die Roaring Twenties an der US-amerikanischen Ostküste und das Streben nach Ruhm. Die tragische Geschichte des Jay Gatsby bleibt außen vor. Doch das ist letztlich egal, denn das Thema dient in diesem leicht zugänglichen Kennerspiel nur der visuellen Untermalung. Das taktische Duell fühlt sich abstrakt an, übt aber trotzdem einen Reiz aus.

Gatsby

Wir setzen als Dorothy Williams und James Miller (keine Charaktere, die im Buch vorkommen) abwechselnd Einflussmarker an einem von drei unterschiedlichen Orten ein, um die Gunst von Persönlichkeiten der High Society zu gewinnen. Wie stelle ich das an? Im rasterartigen Kabarett muss ich mit meinen Markern eine durchgehende Verbindung zwischen zwei gegenüberliegenden Seiten schaffen, im Finanzzentrum profitiere ich vom Aufstieg auf einer Leiste und auf der Rennbahn geht es bei fünf Pferderennen um Mehrheiten. Gelingt es mir, drei Persönlichkeiten derselben Farbe oder mindestens ein Plättchen in allen fünf Farben zu sichern, gewinne ich sofort. Ansonsten entscheiden am Ende die Zahl der Prestigepunkte auf meinen gewonnenen Plättchen.

Bei Gatsby sind Bonusaktionen wichtig

Die Auswertung an den Orten selbst ist simpel und vermeidet unnötige Komplexität. Als entscheidend bei Gatsby sehe ich das Timing an. Denn ich muss zur richtigen Zeit die passenden Optionen haben: Viele Einsetz- und Lauffelder lösen wichtige Bonusaktionen aus. Diese erlauben es mir beispielsweise, die Orte von zwei Persönlichkeiten zu vertauschen – inklusive der Möglichkeit, verdeckt platzierte Persönlichkeitsplättchen vor dem Zurücklegen anzusehen. Gerade das Wissen um die geheimen Identitäten bringt große Vorteile, um die richtigen Entscheidungen auf dem Weg zur Erfüllung der Siegbedingungen zu treffen.

Gatsby

Zudem ermöglichen es Bonusaktionen, die Taktik des Gegenübers zu stören. Denn zu Beginn meines Zuges wähle ich ein Aktionsfeld, das vorgibt, an welchen Orten ich tätig werden darf. Das von mir gewählte Aktionsfeld ist im nächsten Zug für die andere Person gesperrt. Das führt durchaus dazu, dass ich meine favorisierte Aktion mehrere Runden lang nicht wählen kann, weil es immer wieder belegt wird. Das kann nerven. Hilfreich in einer solchen Situation ist das Bonusfeld, das mir erlaubt, die nächste Aktion des Gegners zu bestimmen. Andere Bonusfelder schalten gar ein Aktionsfeld frei, das nur ich allein nutzen darf.

Varianz durch zufällige Verteilung der Persönlichkeiten

Dank der Aktionsfelder und Bonusaktionen erhält Gatsby eine klare Struktur. Der straffe Ablauf sorgt zwar für Übersicht, unterstreicht aber auch den abstrakten Charakter des Spiels. Zudem muss ich akzeptieren, dass meine Pläne wegen der Manipulationen erlaubenden Bonusfelder immer wieder durchkreuzt werden. Muss ich mich darüber ärgern? Nein, denn ich habe ja ähnliche Optionen. Es geht eben darum, situativ zu agieren.

Gatsby

Dass ich dabei unterschiedliche taktische Verhaltensweisen erlebe, liegt an der zufälligen Verteilung der Persönlichkeitsplättchen. Weil nie alle Personen im Spiel sind und zudem einige Plättchen zunächst verdeckt ausliegen, bestimmen meine wachsenden Erkenntnisse die Entscheidungen. Gibt es eine Chance auf den schnellen Erfolg, weil alle drei Plättchen einer Farbe dabei sind? Oder gehe ich vor allem auf Persönlichkeiten, die viele Prestigepunkte mitbringen und mir deshalb bei einem alternativen Ende den entscheidenden Vorteil schenken? Das kann durchaus Spannung aufbauen. Oder das Gefühl auslösen, vom Glück abhängig zu sein.

Mögliche Überraschungsmomente

Gatsby lebt folglich weniger von der spielerischen Innovation, sondern vor allem vom Wettlauf nach der Information, welche Persönlichkeiten mich zu einem vorzeitigen Sieg führen können. Weil verdeckt liegende Plättchen vertauscht werden können oder – wenn ich mir Persönlichkeiten gesichert habe – ich sie vor dem Gegenüber verdeckt halten darf, hält Gatsby Überraschungsmomente parat: etwa dann, wenn ich triumphierend zwei bereits gewonnene Plättchen umdrehe und damit insgesamt ein gleichfarbiges Trio präsentiere. Weil das Duell zudem nicht allzu grübellastig ist und schnelle Entscheidungen zulässt, gefällt es mir durchaus als solide Alternative für eine Partie zu zweit.

Gatsby

Gatsby | Catch Up Games | Bruno Cathala, Ludovic Maublanc | 2 Personen | ab 10 Jahren | 30 Minuten | Meine Einschätzung: ★★ (ordentlich)

Veröffentlicht in Rezensionen Kennerspiele ★★☆☆☆ (ordentlich)

Kommentare

Kommentar verfassen

Am meisten gelesen

Gatsby
Fantastique
Rebirth: Aufbruch in eine neue Zeit
Städtebau-Quartett mit Grundstein von Metropolis, Shake That City, Skyrise und Tower Up
Behind
Dito!
Meister Makatsu
Agent Avenue
Als ich bei “Wer wird Millionär?” auf dem Stuhl saß
Duell der Drachen